Flächenfraß in Oberaudorf

Riesiger Edeka und Drogeriemarkt sollen direkt vors Dorf

In der letzten Gemeinderatssitzung stellte die Handelsberatung bbe ihr Gutachten zur Nahversorgungssituation in Oberaudorf vor. Das Fazit: für große Supermarktketten stellt Oberaudorf ein lohnendes Betätigungsfeld dar, da der Standort nicht nur für 5.300 Audorfer, sondern auch ca. 6.000 Personen aus den Nachbargemeinden und ca. 10.800 Österreicher innerhalb von zehn Minuten mit dem Auto erreichbar ist.

Beeindruckt von der Drohkulisse, dass die Nahversorgung gefährdet sei, sobald Edeka aus unserem alten Gewerbegebiet rausginge, stimmte der Gemeinderat dem Vorhaben mehrheitlich zu. Die Verwaltung wurde beauftragt die notwendigen bauleitplanerischen Schritte für das Flurstück (Ecke Röthenbachstraße/Geigelsteinstraße) einzuleiten. Das betreffende Flurstück ist im Flächennutzungsplan als „Fläche für die Landwirtschaft“ ausgewiesen.

Der neue Edeka soll laut Gutachten 1.500 qm und der Drogeriemarkt 1.100 qm Verkaufsfläche bekommen. Jeder dieser Märkte braucht Lagerflächen, Zufahrten für LKWs, Straßenanschlüsse und natürlich große Parkplätze für dutzende von Autos. Zusätzlich wird in das Gebäude des jetzigen Edeka ein Diskounter einziehen. Direkt am Oberaudorfer Ortseingang hätten wir dann also das klassische Dreigestirn hässlicher deutscher Kleinstädte: Diskounter, Edeka, Rossmann.

Welche Auswirkungen das auf den Einzelhandel unseres – im Vergleich zu den Nachbargemeinden einzigartigen und gut besuchten Ortskerns – hätte, lässt sich nicht wirklich voraussagen. Laut Gutachten der bbe lägen die Umsatzeinbußen der Lebensmittel- und Drogeriewarenhändler im Dorfzentrum bei ca. 9 %, was knapp unter der kritischen 10 %-Marke liegt, die ein Überleben der kleineren örtlichen Händler in Frage stellt.

In unseren Augen ist eine Ansiedlung solcher Konsumtempel, die sich gegenseitig Kunden zuspielen, alte Ortskerne in Gefahr bringen, dreimal mehr Besucher aus der Umgebung (inklusive Tirol) als aus der Heimatgemeinde anziehen und dafür landwirtschaftliche Flächen im großen Stil versiegeln, absolut rückwärtsgewandt. Unumstritten wird der Trend zu Onlineshopping und Einkäufen bei regionalen Erzeugern eher noch zunehmen.

Oberaudorf lebt seit Jahrzehnten durch seine traditionelle, sanft gewachsene Ortsstruktur in erster Linie vom Tourismus, was sich an den Übernachtungszahlen eindeutig erkennen lässt. Um den massiven Unterschied zu untermauern, hier die Vergleichszahlen von 2016: 31.819 Übernachtungen in Kiefersfelden stehen 193.121 Übernachtungen in Oberaudorf gegenüber. Tendenz steigend, denn 2019 verzeichnete Oberaudorf sogar 221.460 Übernachtungen.

Wir möchten weder den Zusammenbruch der örtlichen Nahversorgung heraufbeschwören, noch sind wir gegen eine Ansiedlung neuer Märkte. Da Oberaudorf jedoch bereits über ein großes Gewerbegebiet verfügt und eine zeitgemäße, rechtssichere Überplanung desselben seit Jahren überfällig ist, können wir keine Alternativlosigkeit für die erneute Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen in Gewerbegebiete erkennen.

Regina Götze
Michael Mermingas
Nicole Herm